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Der Klang der russischen Seele
Vokal-Gruppe Camerata in Nürnberg
BEKE MAISCH
Das Besondere an Auftritten in der Katharinenruine ist die Kulisse. Wenn die Abendsonne das halbverfallene Gemäuer in warme Braun-Töne taucht oder nachts die Scheinwerfer für Farbeffekte sorgen, schafft das alleine schon Stimmung. Nach den ersten Klängen des A-Capella-Ensembles Camerata aus dem russischen Minsk schien sich die Ruine allerdings in Luft aufzulösen.
Das innere Auge war gefragt, als die siebenköpfige Truppe einen "Sommer in den weißussischen Wäldern" zelebrierte: es zwitschert, zirpt und knistert, ein leichter Wind rauscht durch die Blätter. Dann erhebt sich eine Melodie aus den Naturgeräuschen, sanft und leicht, eine zweite folgt, lauter und lustiger. Schließich wird aus dem russischen Wald ein heiteres Volkslied zum Sommer. Was die vier Frauen und drei Männern, allesamt Mitglieder der Philharmoniker in Minsk, mit ihren Stimmen kreieren, versetzt erst in Staunen, dann in Begeisterung.
Mystische Klang-Wirklichkeiten
Mit einem unglaublichen Tonumfang, einer bestechenden Intonation und einer virtuosen Beherrschung der Stimmbänder zaubern Camerata mystisch-sphärische Klang-Wirklichkeiten auf die Bühne, ersetzen ein gesamtes Groß-Orchester durch die Wucht ihrer Stimmen. Seit zehn Jahren perfektionieren Camerata ihre Vokalkunst, kennengelernt haben sich die Sängerinnen und Sänger während ihres Musikstudiums in Minsk.
Nach der Pause wird es irdischer. Die Vokalisten spielen Kontrabass, Saxophon, eine Trompete mit Dämpfer ertönt - amerikanische Evergreens sind angesagt. Mit geschlossenen Augen ist die Illusion perfekt: Louis Armstrong höchstpersönlich röhrt mit rauchiger Stimme "They can't take that away from me" und Frank Sinatra gibt sein Bestes. Nach zwei temporeichen Stunden ist das faszinierende Klang-Abenteuer zu Ende die Katharinen Ruine ragt wieder rötlich beleuchtet in den Nachthimmel.
Das nächste Konzert von Camerata in der Region findet am 6.11. im Dehnberger Hoftheater statt. Karten unter Telefon 0 91 23 / 9 54 49 22.
Nürnberger Nachrichten, 25.07.02
Vokalpercussionist statt Schlagzeug
Die "A-Cappella-Nacht" fand diesmal in der Gebläsehalle im Alten HüttenAreal in Neunkirchen statt
Neunkirchen (if). Zu den festen "Nächten" im Programmablauf der "Neunkircher Nächte" gehört seit Beginn die "A-Cappella-Nacht". Auch sie hatte die Neunkircher Kulturgesellschaft vorsichtshalber in die Gebläsehalle des Alten Hüttenareals verlegt, weil Kachelmann und die Wettermänner in Offenbach im Gleichklang Regen vorgesehen hatten. Es kam anders, weswegen man im nächsten Jahr die Frage "Regen oder Sonne" wegen der ungenauen Antworten der Experten gleich aus dem Kaffeesatz lese oder dafür das Orakel von Delphi befrage, überlegte der Geschäftsführer der Neunkircher Kulturgesellschaft, Peter Bierbrauer deshalb in seiner Begrüßung.
Kein Regen auch an diesem Abend, dafür aber zwei Programmpunkte, die auf ihre Art dem Ruhm der A-Cappella-Nächte voll und ganz entsprachen. Nur ein Herr Frost, aber der kam später und war eine mehr als heiße Sache.
Doch im ersten Teil des Abends ging es durch die weißrussischen Wälder, durch Steppen und zu Festen hin, als die vier Sängerinnen und drei Sänger des Minsker Ensembles Camerata die Landschaft Weißrusslands in Töne übersetzten. Mit dieser Art der Folklore als hochvirtuosem Klangfeld erweist sich das Septett als einzigartig unter den A-Cappella-Ensembles. Meist sind es Eigenkompositionen, in denen Wälderrauschen, Tierlaute, Tanzrhythmen oder Maschinenklänge ein Klangbild des traditionellen russischen Lebens in Natur und Stadt nachzeichnen. Aber auch Gesänge aus den Wüsten des Orients, lang gezogene Rufe über Sandsteppen hinweg und das Rauschen des Windes haben die vorzüglichen Sängerinnen und Sänger von Camerata eindrucksvoll eingefangen.
Dass sie auch im Bereich von Jazz und Gospel unterwegs sind, auch das stellten sie unter Beweis: Wenn auch, obwohl virtuos präsentiert, hier nicht die unbedingten Stärken des Ensembles liegen. Ein wenig steif im Vortrag waren sich diese Jazznummern, was sich in dem als Zugabe gewährten Gruß aus der Welt der Operette mit dem Johann Strauß Walzer "An der schönen blauen Donau" noch verstärkte: Hier und in den ausladenden Klanglandschaften liegen die unverhohlenen Stärken des Septetts.
Ganz anders die sechs jungen Männer aus London, die unter dem Namen The Magnets nach Neunkirchen gekommen waren. Ihre Heimat ist die Popmusik. Doch längst ist dieses Zuhause überfüllt mit jungen singenden Männer, die unter dem Begriff "Boygroup" als Sing- und Tanzbärchen die Hitparaden fest im Griff haben. Perfekt ist auch der Sound und die Lichtshow der Magnets, doch mit Singen und Tanzen wie am Fließband hat ihre Musik nichts zu tun. Ihr Auftritt ist perfekt, auch gestylt, aber er lebt durch die Souveränität, mit der sich die Magnets ihren Stücken annehmen.
Über den getrimmten Sound der Boygroups macht sich das Sextett viel lieber in einer Gesangs- und Tanzparodie sowie in der Moderation lustig. Ihr Repertoire kommt hingegen großteils aus den sechziger und siebziger Jahren der britischen wie der amerikanischen Popmusik zwischen Carole King, den Jackson Five oder den Zombies. Aufgelöst im Harmoniegesang, begleitet von zwei ganz der Basslinie und dem Rhythmus verpflichteten Sängern. Der Vokalpercussionist der Gruppe mit Namen Mr. Frost ersetzte in seinem Solo abschließend mühelos ein Schlagzeug und die Magnets als Ganzes jede bekannte Boygroup spielend. A-Cappella-Gesang vom Feinsten eben.
Saarbrücker Zeitung, 25.07.02
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